GRUNDLEGENDE ANGABEN ZUR HAGIOTHERAPIE

Artikel aus dem Sammelband des Symposions zum Thema „Psychotherapie“ – Schulen und psychotherapeutische Richtungen in Kroatien heute“, vom 11.-12. Mai 2007 in Zagreb ("Psihoterapija - škole i psihoterapijski pravci u Hrvatskoj danas", Redakteur: Vlado Jukić und Zoja Pisk)

Univ.Prof. Dr. Tomislav Ivančić
Katholisch-theologische Fakultät der Zagreber Universität
Vlaska Str. 38, Zagreb

HAGIOTHERAPIE

Einführung


Die Hagiotherapie ist eine Therapiemethode zur Heilung der geistlichen Dimension des Menschen, bzw. seiner geistlichen Seele. Die Hagiotherapie ist aufgrund philosophisch-theologischer Forschung über den Menschen entstanden. Die Geistseele ist ein Begriff, mit dem heutige Philosophen und Theologen jenen Teil der menschlichen Seele bezeichnen, durch die der Mensch typisch Mensch ist. Dadurch unterscheiden sie in der gesamten menschlichen Seele die geistliche Seele, die nur der Mensch besitzt, vom vegetativen und psychischen Teil, die auch die Tiere und Pflanzen besitzen.
„Hagios“ bedeutet heilig - somit kann man den Namen der Methode mit „heilige Therapie“ übersetzen. Gemäß philosophischen und theologischen Forschungen wird die geistliche Seele eines jeden Menschen unmittelbar vom Schöpfer erschaffen - und Gott ist heilig. Somit ist auch die geistliche Seele im Unterschied zur psychophysischen Dimension des Menschen, die von den Eltern geschaffen wird, heilig. Dadurch dass die die geistliche Seele von Gott kommt, kann sie auch nur durch seine Realität geheilt werden, und auch die Therapie ist - weil sie vom Heiligen kommt - heilig.
Die Hagiotherapie untersucht die Struktur der geistlichen Seele, entdeckt ihre pathologischen Zustände, forscht nach Wegen für deren Diagnostizierung und entsprechenden Therapie. Sie ist, wie Medizin und Psychiatrie, eine Wissenschaft und Therapieart.
Zum Forschungsbereich der Hagiotherapie gehören die Fragen: Was ist der Geist, wer ist der Mensch und was bildet seine Persönlichkeit; Spiritualität der Seele, Verantwortung des Gewissens, intellektuelle Erkenntnis, Affekte, freier Wille, Tugenden des Charakters, Schöpfung im wissenschaftlichen und kulturellen Sinn, Religiosität, Vertrauen, Hoffnung und Liebe, Lebenssinn, Transzendenz, ethisches und moralisches Handeln, Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Reflexion und Autoreflexion, Herkunft des Menschen und sein Ziel, grundlegende Fragen des Menschen, Basisvertrauen, das Bestimmtsein und gleichzeitige Freiheit des Menschen, seine Sehnsüchte und Frustrationen, Fragen über Gott, Glaube und Sein.
Zum Therapiebereich der Hagiotherapie gehören: Traumen, Verletzungen, Krankheiten und Ohnmacht der menschlichen Persönlichkeit, Sehnsüchte, Gewissen, Charakter, Freiheit, Intellekt, Kreativität, Religiosität, Vertrauen, Leiden des Herzens und der Seele, Begrenztheit menschlicher Kräfte, existentielle Angst, Suizidalität, Sinnlosigkeit, Bedrängnis, Böses, das „Eingesperrt-sein“ in der Welt, Unwissenheit über die eigene Herkunft und Schicksal, die Schwierigkeit, den Schöpfer und Inhaber der Welt und des Menschen zu erkennen, das Hineingeworfensein in die Welt und das Leben, die Ohnmacht, über das eigene Schicksal zu entscheiden, Verletzungen seitens anderer Menschen, eigene Bösartigkeit und Schuld, Erniedrigung, Laster, Süchte und allgemeines Gefährdetsein des Menschen.

Zur Diagnosestellung geistlicher Krankheiten wird in der Hagiotherapie ein entsprechender Fragebogen verwendet. Dadurch werden die genetischen, pränatalen und postnatalen Quellen der geistlichen Probleme des Menschen erforscht, sowie die transzendenten Quellen der Krankheiten, Basis- und aktuelle Traumen festgestellt. Auf diese Weise wird die Diagnose gestellt, in der man die kognitiven, axiologischen und anthropologischen Ursachen geistlicher Leiden erkennen kann.
Je nach den erkannten Ursachen und Quellen geistlicher Traumen, Leiden und Krankheiten wird die geistliche Therapie für die Geistseele des Menschen auf kognitiver, axiologischer und anthropologischer Ebene durchgeführt. Auf der kognitiven und axiologischen Ebene wird die Therapie der Umkehr und die Eireno- und Dynamistherapie verwendet, während auf der anthropologischen Ebene die Agapo-, Pistis und Pneumatotherapie verwendet werden.

Die geschichtliche Entwicklung der Hagiotherapie

Offiziell hat die Hagiotherapie 1990 begonnen, als das Zentrum für geistliche Hilfe in Zagreb (Centar za duhovnu pomoć) gegründet wurde. Indem ich das urchristliche Katechumenat und besonders dessen dritten Teil über die Verletzungen der geistlichen Seele des Menschen studierte, sowie die Enzyklika „Salvifici doloris“ Papst Johannes Paul II, ist mir bewusst geworden, dass es Krankheiten geistlicher Natur gibt, die niemand erforscht bzw. fachlich therapiert. Während die Hagioassistenten im Zentrum für geistliche Hilfe mit Patienten die Therapie durchführten, widmete ich mich der Forschung der geistlichen Seele des Menschen, der Entdeckung von Ursachen geistlicher Leiden, Verletzungen, Traumen und Krankheiten, sowie dem Suchen nach entsprechenden Therapiemöglichkeiten. Nach vier Jahren solcher Arbeit und Forschung begannen wir Fachleute für die geistliche Therapie auszubilden, sowohl im In-, als auch im Ausland. Nach einem passenden Namen suchend, wurde 1994 der Name „Hagiotherapie“ gewählt.
Damit jemand in der Hagiotherapie arbeiten kann, zeigte sich als unentbehrlich, dass er die geistliche Dimension des Menschen aus Erfahrung kennen muss, und dass zudem das Studium der Philosophie und Theologie erforderlich sind, sowie das spezifische Studium über die Geistseele, ihre Pathologie, Diagnosestellung und Anwendung der geistlichen Therapie. Darüber habe ich Bücher, Handbücher und zahlreiche Artikel geschrieben. Von den Büchern sind die folgenden am wichtigsten: Diagnose der Seele und Hagiotherapie; Entdeckung der geistlichen Therapie; Grundlagen der Hagiotherapie; Dem Menschen geistlich helfen; Heilung im Gebet; Hagiotherapie.

Zur Ausbildung und Edukation in der Hagiotherapie wurde die Studiengemeinschaft Gebet und Wort (Zajednica Molitva i Rijec) gegründet. In der Edukation wird dem künftigen Hagiotherapeuten die Erfahrung und Fähigkeit für die therapeutische Tätigkeit vermittelt. Er soll an sich selbst erfahren, wie die Therapie wirkt, damit er die Reaktionen und Probleme des Patienten verstehen kann. In der Ausbildung eignet sich der künftige Hagiotherapeut theoretische Kenntnisse über die Geistseele des Menschen an, ferner über die Pathologie des geistlichen Bereichs, Diagnosestellung und Therapiemöglichkeiten. Nach vier theoretischen Stufen des Hagiotherapiestudiums wird eine schriftliche und mündliche Prüfung abgelegt, wonach man zum Praxisteil des Studiums zugelassen wird. Nachdem man Grundkenntnisse und Erfahrung in der Hagiotherapie gesammelt hat, kann man für ein Jahr in einem der Zentren für Hagiotherapie praktizieren. Danach wird die Diplomarbeit geschrieben, wonach man offiziell als Hagiotherapeut arbeiten kann. Wenn man in einem der Zentren für Hagiotherapie arbeitet, kann nach etlichen Jahren der praktischen Arbeitserfahrung auch zur Abschlussprüfung antreten, wonach man Diplomhagiotherapeut wird, der selbstständig mit Patienten arbeiten und eine hagiotherapeutische Anstalt leiten kann.
Für die wissenschaftliche und fachliche Ebene der Hagiotherapie ist ihr Gründer, Univ. Prof. Dr. T. Ivančić verantwortlich. Mit ihm arbeitet ein Team von Forschern zusammen, sowie von Personen, die für die Edukation und Ausbildung künftiger Hagiotherapeuten befähigt sind, und diese im In- und Ausland durchführen.

Die theoretische Grundlage der Hagiotherapie

Die Hagiotherapie erforscht denjenigen Bereich der menschlichen Seele, mit dem sich die Philosophie und Theologie befasst, was bedeutet, dass sie den ontologischen Bereich des Menschen erforscht. Sie hat ihr autonomes Forschungsobjekt und ihren autonomen Bereich in der menschlichen Seele. Der spezifische Forschungs- und Therapiebereich in der Hagiotherapie ist der «Schmerz geistlicher Natur», wie Papst Johannes Paul II diesen Schmerz treffend bezeichnete. (1)

Frühere Forschungen über den menschlichen Geist

Die wissenschaftliche Forschung über den menschlichen Geist stellt heute das Hauptinteresse in fast allen wissenschaftlichen Bereichen dar. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts befasste sich der deutsche Philosoph Max Scheler mit der geistlichen Dimension. (2) Deutsche Philosophen haben den ersten von drei geplanten Bänden über das menschliche Bewusstsein als Forschungsergebnis über die geistliche Dimension in den letzten Jahren herausgegeben. (3)

Sowohl die Philosophie, als auch Theologie sind allseitig gesuchte Partner in der naturwissenschaftlichen, medizinischen, soziologischen und biochemischen wissenschaftlichen Forschung. Es wurden mehr als 20 Zentren in der Welt gegründet, um die Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaften und Theologie zu ermöglichen. Was ist deterministischer Chaos, was sind schwarze Löcher im Weltall, was ist Energie – all das sind Fragen, die gründlich untersucht werden sollten, damit wir entdecken, was der Geist ist, was die Materie und die mit ihr verbundene Energie, was das Leben, der Lebenssinn, wer der Mensch ist, woher er kommt, wohin er mit dem Tod geht, wer der Inhaber der Natur und der Menschheitsgeschichte ist. Trotz der außerordentlich entwickelten Wissenschaft haben wir keine Antwort auf die grundlegenden Fragen der Welt, des Menschen und des Daseins. Deshalb entkommen uns auch die Antworten auf die Fragen der Krankheit und Gesundheit. Es finden zahlreiche Kongresse und Symposien zum Thema des Verhältnisses zwischen Religion und Gesundheit, sowie Glaube und Gesundheit statt. Es gibt Institute, an denen das Verhältnis zwischen psychosomatischer Medizin und theologisch-philosophischer Anthropologie untersucht wird.
In seinen Forschungen über das Verhältnis zwischen psychosomatischen Krankheiten und theologischer Anthropologie kommt Dr. M. Beck, Doktor für Theologie und Medizin, zur Schlussfolgerung, dass somatische Krankheiten weder ganzheitlich noch richtig diagnostiziert und therapiert werden können, ohne dass die geistliche Dimension in die medizinische Tätigkeit eingeschlossen wird. Er sagt, dass eine jede Zelle des menschlichen Körpers vom Geist bzw. der geistlichen Seele belebt ist, und dass deshalb Kenntnisse über die geistliche Dimension des Menschen ausschlaggebend für die Diagnosestellung und Therapie sind. In seinem Buch „Krebs und Seele – Gen, Geist, Gehirn, Gott“ schließt er, dass es zu Veränderungen im Paradigma in Physik, Biologie und Medizin gekommen ist, so dass nicht mehr nur das Verhältnis „Gen-Zelle-Organismus“ untersucht wird, sondern „Gen-Geist-Gehirn-Freiheit“. Er analysiert das Verhältnis: Seele-Körper und Geist-Gehirn. Der Körper ist der Ausdruck der Seele. Es gibt die Information: Seele-Gen, die nicht nur ein Informieren, sondern auch ein Formieren darstellt, welches von Güte, Hoffnung, Wahrheit, Liebe, Vertrauen und Schönheit abhängig ist. Der Mensch ist zum letzten Sinn berufen. Er kann diese grundlegende Lebensberufung ablehnen und seine Freiheit ganz zum Begrenzten, Bösen und Egoistischen wenden, und sich dadurch, statt im Sein, nur in eigener Unsicherheit seiner Existenz, die er selbst gewählt hat, vorfinden. M. Beck stellt die möglichen Ursachen von bösartigen Erkrankungen in mehreren Bereichen auf: Krebs als falsche Entwicklung, Desintegration statt Integration, Krebs und Kommunikation, Krebs und Erkenntnis, Krebs und Selbsterkenntnis, Krebs und der eigene Bosheitszustand, Krebs und die unterdrückten Triebe und Konflikte, Krebs und das Gottesbild, Krebs und Ewigkeit, Krebs und Glaube, Hoffnung und Liebe, Krebs und Mitleiden wegen Bösem in der Welt, sowie die Therapie, die durch Erkenntnis, Umkehr und neue Lebensorientierung zustande kommt. Schließlich ist es wichtig, einzusehen, dass der Mensch mehr ist als seine Gene. Die Gene können aktiviert werden, wenn eine ganze Reihe von Faktoren aktiv ist: Umfeld, zwischenmenschliche Beziehungen, inneres Leben des Menschen mit Gedanken und Gefühlen, sowie grundlegende Lebenseinstellungen. Die Information und „anima forma corporis“ nehmen an dieser Aktivierung teil. Die Gene arbeiten mit dem geistlich-religiösen inneren Leben im Menschen zusammen. In den Genen kommt das unmittelbare Verhältnis zwischen Geist und Materie zustande. Und das bedeutet, dass Krebs als Krankheit nicht nur von den Genen, Umfeld, psychologischen Problemen und Fragen über den Lebenssinn abhängt, sondern auch vom Verhältnis des Menschen zu Gott. (4)

Der deutsche Mediziner und Anthropologe A. Jores behauptet, dass auf der psycho-physischen Ebene typisch menschliche Krankheiten entstehen, wenn der Mensch den Forderungen seines Gewissens nicht Folge leistet und den Lebenssinn nicht findet. Es geht hier vor allem um eine geistliche Krankheit, die danach auch zur Somatisierung führen kann. Jores gibt an, dass fast 70 % somatischer Krankheiten in der Seele verursacht werden und nennt diese typisch menschliche Krankheiten. Nur 30 % der Krankheiten werden durch Viren, Bakterien, Parasiten, geschwächte Abwehrkräfte, genetische Faktoren und krebserregende Substanzen verursacht. (5) Der amerikanische Neurologe, Psychiater und Gehirnforscher D.G. Amen betont, dass eine gesunde Seele die Gehirntätigkeit verbessert, sowie dass ein gesundes Gehirn ausschlaggebend ist für eine gesunde Seele. Er kommt zur Schlussfolgerung, dass das Gehirn des Menschen das „hardware“ seiner Seele sei und es auch auf geistlichem Weg geheilt werden sollte. Jedes gute und gesunde Wort mache das Gehirn gesund, während kranke Gedanken oder Worte die Gehirnzellen zerstörten. (6) Der Mensch ist im Kern ein geistliches Wesen. Deshalb haben auch seine Krankheiten das Siegel spiritueller Gesetzlichkeiten. Die Krankheit ist nicht etwas am oder im Menschen, sondern der Mensch selbst ist krank. Die Neurobiologen M. Persinger und V.S. Ramachandran kommen in ihren Forschungen zum Schluss, dass es im Gehirn die Funktion gibt, die sie „göttliche Komponente“ und „göttlicher Punkt“ nennen, während D. Amen sie „Gottesmodul“ oder „Gottespunkt“ nennt, was bedeuten soll, dass Gott für das menschliche Leben und Heilung von Krankheiten wesentlich ist. (7)
H. Urs von Balthasar und K. Rahner behaupten, dass somatische Krankheiten die materiellen Abbildungen von dem sind, was sich im Geist abspielt. Die Krankheit ist ein äußerer Mangel und Ausdruck für einen inneren Mangel an Sein. Dieser Mangel tritt im Bereich der Transzendentalien ein: unum, bonum, verum, pulchrum, als ein Mangel an Einheit, Wahrheit, Gutem und Schönheit. So kann der Mangel an Wahrheit zuerst auf der somatischen, und dann auch auf der psychischen Ebene entstehen. Die geistliche Heilung würde in diesem Fall durch die Annäherung an die Wahrheit zustande kommen. Die Wahrheit „befinde“ sich, sagen diese Theologen, im Dialog mit Gott und den Menschen. Indem er sich der Wahrheit und der Güte nähert, wird der Kranke von seiner inneren Spaltung befreit. Die Autoren behaupten außerdem, der Geist des Menschen sei unmittelbar auf Gott ausgerichtet. Richtet er sich gegen Gott aus, entsteht eine widernatürliche Ausrichtung, die sich als innere Disharmonie, Unordnung und Desorientierung zeigt, die somatisieren kann. Die Heilung besteht in der Beseitigung dieser Unordnung. Aus diesem Grund führen Umkehr und Gebet oft zu Wunderheilungen, was eigentlich kein Wunder ist, sondern es geht um die Beseitigung von Ursachen somatischer Symptome im geistlichen Bereich. Der Geist informiert dann nämlich richtig die Materie im Körper mit der Zellenstruktur und verändert sie. Ebenso führen falsche Gottesbilder zu Krankheiten, und die Therapie dafür besteht in der Annahme des echten Gottesbildes. Der wahre Gott liebt, gibt Freiheit, erlöst von Ängsten und Abhängigkeiten und hilft dem Menschen zu seiner eigenen Identität zu finden. Diese Theologen behaupten zudem, dass die naturwissenschaftliche Interpretation der Krankheit allein unzureichend ist, weil sie sich auf der oberflächlichen Ebene der Symptome aufhält und nicht einsieht, dass dahinter tiefere Ursachen stehen. Auch die psychologische Ebene kann nicht die endgültige Interpretationsinstanz sein, weil sie nur eine Zwischenebene darstellt. Erst die ontologische Beobachtung ist allumfassend und zeigt die echte Diagnose und Therapierichtung. (8)

Die Autoren der spirituellen Intelligenz, D. Zohar und I. Marshall, meinen, dass die Geistseele krank sein kann, wenn der Mensch die Verbindung mit dem tiefen Kern seiner selbst nicht herstellen kann. Die Person kann von den nährenden Wurzeln der Persönlichkeit in der Grundlage ihrer Person und Existenz abgeschnitten sein (9). C.G. Jung besagt, dass man verstehen soll, dass es sich bei geistlichen oder existentiellen Krankheiten um eine Seele handelt, die ihren Sinn nicht gefunden hat (10). Der seelische Schmerz ist die Ursache vieler physischer Erkrankungen. Der Gründer der Logotherapie, V. Frankl, meint, dass Selbstmordgedanken dort auftreten, wo die Menschen zwar wovon zu leben haben, aber nicht wofür. Der Verlust des Lebenssinnes bildet die Grundlage für zahlreiche psychische und somatische Krankheiten (11). Geistliche Krankheiten wie Verzweiflung, Böses und Besessenheit werden durch den Mangel an spiritueller Intelligenz verursacht, behaupten D. Zohar und I. Marshall. Die Trennung von sich selbst, den anderen und Gott erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht, den Kontakt mit dem integrativen Zentrum in sich selbst aufzunehmen und führt zur Schizophrenie, behaupten sie. Es handelt sich um ein existentielles Vakuum, wie Frankl das nennt. Psychiatrische Untersuchungen Ende der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts zeigten, dass 60-70 % der Bevölkerung in entwickelten Ländern an irgendeiner Form schizophrener Desorientierung leiden. Das zeigt sich bei Menschen als Depression, Müdigkeit, Anorexie, Stress und Sucht – welche Krankheiten des Mangels an Lebenssinn darstellen, sowie die Abgerissenheit vom spirituellen Zentrum, Trennung von Werten, Zweck, Sinn, Grund und Wurzel des Menschseins (12).

D. Goleman betont, dass es die unbewusste Erkenntnis gibt, wodurch der Mensch nicht nur moralische Werte erkennt, sondern sich für diese auch unbewusst entscheidet (13). Das bedeutet, dass die geistliche Erkenntnis über der rationalen steht, und dass die Kategorien „Unbewusstes“ und „Unterbewusstes“ nur psychische und keine geistlichen Kategorien darstellen.

Was ist der Geist


Die grundlegende Frage lautet also: Was ist der menschliche Geist? Die Philosophie und Theologie sprechen über die Geistseele des Menschen, da der Mensch kein reiner Geist ist wie die Engel, sondern ein verkörperter Geist oder vergeistlichter Körper. Wenn wir von der geistlichen Dimension des Menschen sprechen, sollten wir Acht geben, dass wir diese nicht mit seiner Religiosität vermischen. Die Religiosität ist nämlich nur ein Segment der menschlichen Spiritualität, während sich die Spiritualität auf den ganzen Menschen bezieht.
Geist und Atem gehören zusammen. Ruah (hebräisch) bedeutet Windhauch und Wirbelwind, pneuma (griechisch) steht für den Lebensatem, und spiritus (lateinisch) für das lebenserhaltende Atmen. Der Geist ist nicht-materiell, unsichtbar für die leiblichen Augen. Die Griechen gebrauchen den Begriff nous (nus), der die Denktätigkeit bezeichnet im Unterschied zur Wahrnehmungstätigkeit des Menschen. Der Geist nennt sich im Lateinischen auch animus und mens.
 Der Mensch ist eine Einheit, eine Person bestehend aus Seele und Körper, bzw. zwei Prinzipien: dem Materiellen und dem Spirituellen. Gemäß biblischem Schöpfungsbericht wurde der Mensch von den Tieren abgesondert, als der Schöpfer ihm einen Körper vom Erdenstaub erschuf und danach seinen Lebensatem in ihn einhauchte (Gen 2,7). Der Geist wird nicht als Objekt erkannt, sondern er ist die Voraussetzung für die Erkenntnis, wie das Licht, in dem man alles erkennt. Die Seele dagegen ist das Objekt der Erkenntnis und das Prinzip des Lebens. In der Seele wird der Geist erkannt. Indem er Objekte thematisch, unmittelbar erkennt, erkennt der Mensch mittelbar auch den Geist.
Der Geist bedeutet Freiheit von Raum und Zeit, Transzendenz, er übersteigt den Menschen und die Gesamtheit von Allem. Er ist frei von Allem und für Alles. Er ist die Wirklichkeit, in der alles erkannt werden kann und in der alles besteht. Er ermöglicht, dass der Mensch denkt und Getrenntes in eine logische Einheit verbindet. Er kann aus der getrennten Materie neue Formen, die materiell gleich und formal unterschiedlich sind, schöpfen. Die Form ist Geist. Der Mensch ist als Ganzes Mensch, weil ihn der Geist, den Gott nicht erschaffen, sondern ihm eingehaucht hat, zum Menschen macht. Das Wirken des Geistes im Menschen ist ein seelischer Prozess des Geistes in der Geistseele. Die Erfahrung des Geistes ist die Erfahrung von geistlichen Prozessen in der Seele (14).
Der Geist des Menschen hält das ganze Wesen des Menschen, Körper und Seele, zusammen und gibt dem gesamten menschlichen Organismus Leben und Gesundheit. Dort wo der Geist in seinem Wirken gehindert ist, entsteht Krankheit. Arzneien können in der Heilung des Körpers nicht helfen, wenn der Geist völlig blockiert ist. Andererseits ist es möglich, dass das, was Ärzte für unheilbar erklären, der Mensch durch die geistliche Kraft des Glaubens heilt.
Der Geist ist ein anregendes und lebenspendendes Prinzip, das dem physischen Organismus Leben einhaucht. Der Beweis für den Geist im Menschen ist die Tatsache, dass der Mensch existentielle Fragen stellen und nach dem Sinn und Wert von Allem, was er tut und wofür er lebt, suchen kann. Durch den Geist sieht der Mensch alles in einem breiteren Sinnkontext ab, und kann sich im Geist von Ereignissen distanzieren und Frieden und Nüchternheit bewahren. Die Tiere sind durch ihren Instinkt vorausbestimmt, während der Mensch frei ist. Der Mensch kann Regeln und Situationen verändern, kreativ sein, schwärmen, anstreben, projektieren, sich aus dem moralischen Schmutz erheben. Der Geist geht Kulturen und Werten voraus, seine Quelle ist im Mittelpunkt allen Seins – in Gott. Der Geist gibt dem Lebenskampf einen Sinn, vereint und verwandelt alles, und ist der Kern des Gewissens. Durch ihn übersteigt der Mensch kleine, enge Horizonte, sein kleines Ego und tritt in Visionen von Wahrheit, Güte und Schönheit ein, wodurch er die Grenzen seines Ich überschreitet. Der Geist hilft im Kampf zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, Leiden und Verzweiflung. Der Geist stellt unsere kleinen Probleme in ein breiteres Ganzes und in allumfassende Perspektiven. Ohne ihn und ohne die Erfahrung seines Wirkens bleiben unsere Visionen vernebelt, das Leben leer und der Lebenssinn begrenzt. Der Mangel an Geist macht uns frustriert, krank, ohne Lebenssinn und Kraft zum Kampf, erschöpft, kleinmütig, so dass wir geistlich stumpf werden und den Lebenssinn in perversen Dingen, materiellen Gütern, Promiskuität, sinnloser Rebellion, Gewalt, Drogen und Okkultismus des Newage suchen (15).

Die Struktur der Geistseele

Der Mensch ist Seele und Körper. Diese lassen sich im Menschen nicht voneinander trennen, sollten aber wegen wissenschaftlicher Forschung unterschieden werden. Die Seele hat verschiedene Fähigkeiten und Funktionen, sowohl psychische als auch geistliche. Die Fähigkeiten der Geistseele können wir als ihre Struktur bezeichnen, und sie wirken wie Organe in einem Organismus. Sie erheben den Menschen über Pflanzen und Tiere, welche vegetatives und psychisches, aber kein geistliches Leben besitzen. Pflanzen und Tiere sind keine Personen, haben kein Ich und keine Würde; Die Tiere sterben physisch ganz, haben keine Moral, können nicht denken, sprechen, schreiben, kreieren, sind nicht frei, sondern vorausbestimmt, haben keinen Charakter, sondern verhalten sich nach Instinktmechanismen, haben weder bildende, noch Schauspiel- oder Musikkunst, keine Religion, Philosophie, Glauben, Wissenschaft, Kultur, Kreativität, Transzendenz. Der Mensch besitzt dagegen eine Struktur der Geistseele, durch die er die ganze biologische Welt und alle Dinge übersteigt.
Die Tätigkeit dieser Struktur, bzw. dieses geistlichen Organismus ist geistlich. Der Mensch ist Person und hat deshalb sein „Ich“, er ist in sich „versammelt“ und sich seiner selbst bewusst, er hält sich und sein Schicksal in der Hand. Als Person kann er anderen Menschen „du“ sagen, aber nicht der toten und biologischen Natur. Er sagt auch zum Schöpfer „du“, kann ihn zum Gespräch einladen und zur Verantwortung ziehen. Der Mensch besteht als Person, er hat die Person nicht, sondern er ist Person. Er hat eine unveräußerliche Würde, ist frei, entscheidet über sich selbst, hat zahllose Beziehungen, herrscht über die Natur und ist verantwortlich für die Welt. Als Person ist er sich seiner selbst bewusst, sowie des Guten und Bösen, der Freiheit der Entscheidung, des Leides, Todes, Lebens, Güte, Wahrheit, Schönheit. Er hat nicht nur Wünsche, sondern auch Sehnsüchte. Als Person ist er sich selbst wichtiger als alles andere (16).
Als Inhaber seines Lebens – sowohl des somatischen und psychischen, als auch des geistlichen, ewigen - übersteigt er kognitiv und axiologisch alles Geschaffene. Er erkennt immer über das Einzelne und Kollektive hinaus – er erkennt das Sein und das ursprüngliche Sein: Gott. Er erkennt, dass er das Leben nicht in sich hat, sondern im Sein, bzw. in Gott. Gott ist sein Schicksal, das wichtigste Wesen und sein größtes Drama. Der Mensch weiß außerdem, dass es für ihn viel wichtiger ist, gut und wahrhaftig zu sein, als irgendetwas zu besitzen. Er ist bereit, aus Liebe für die Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit und das Gute zu sterben. Für ihn sind Freiheit und Güte viel wichtiger als das psycho-physische Leben. Er erlebt, dass er nicht nur das psycho-physische sondern auch das geistliche Leben besitzt. Er stirbt lieber, als sein geistlich-moralisches Leben zu vernichten. Wenn für den Menschen Geld, Nahrung und Besitz wichtiger sind als moralisches Handeln, dann erlebt er sich als Unmenschen, als auf die Ebene der Tiere herab gefallen; Er hört auf, Mensch zu sein und hat keine Zukunft. Indem er in der Freiheit seines Gewissens Gutes tut, hat der Mensch die Erfahrung, ewig, ruhmvoll, würdevoll und unzerstörbar zu sein.
Der Mensch besitzt das Gewissen, welches die Stimme des Seins ist. Die transzendentalen Eigenschaften des Seins sind: eins, wahrhaftig, gut und schön. Das Böse bedeutet einen Mangel an Sein, und bezieht sich ebenso auf Lüge, Hässlichkeit, Ungerechtigkeit und Bösartigkeit. Indem er Böses tut, nimmt der Mensch sich von der Existenz weg, hat kein Ziel, wird kleiner, schwächer und ist verloren. Indem er jedoch Gutes tut, wird er unzerstörbar und frei, d.h. er wird Mensch im vollen Sinne des Wortes. Wenn der Mensch erkennt, dass er Gutes tun soll, und dennoch Böses tut, erlebt er tiefen Schmerz, den Schrei seiner Seele, die Trennung vom Leben, Abgründe an Schmerz und Leid, sagt B. Häring (17). Wenn er Böses tut, erlebt der Mensch Schuld, wird von Angst ergriffen, weil ihn alle verurteilen können, darf zu niemanden mehr kommen, befindet sich auf ständiger Flucht, vernagelt in den engen Räumen seiner Gewissensbisse, die ihn quälen und verfolgen.
Eine besondere Struktur der Geistseele des Menschen ist der Intellekt. Philosophen-Epistemologen unterscheiden ihn vom Verstand oder Ratio. Durch seinen Intellekt erkennt der Mensch die absolute Wahrheit, das Sein als unzerstörbare Existenz, Güte als Voraussetzung für die Existenz, Wahrheit und Einheit. Die Erkenntnis des Intellekts ist intuitiv, wie das Wort selbst bezeichnet – intus legere. Durch ihn sieht der Mensch auf eine gewisse Weise den Kern von Allem und durch ihn transzendiert er alles. Durch den Intellekt ist er sich seiner selbst, anderer Menschen und Gott bewusst. Durch ihn erkennt er den Sinn von allem und sich selbst, erkennt deutlich die Forderungen seines Gewissens, erforscht das Ziel seines Wandelns auf der Welt, erfasst auch das, was das Weltall und alles Erschaffene übersteigt. Durch ihn erkennt er sich selbst, reflektiert über sich, denkt, projektiert, entdeckt, fragt, erforscht, geht bis zum Kern allen Seins. Durch den Intellekt erkennt der Mensch, dass die Weisheit eine allumfassende Erkenntnis darstellt, die in sich Wissenschaft, Kultur, Moral und Glauben zusammenfasst. Durch den Intellekt übersteigt der Mensch sich selbst unermesslich, findet keine Ruhe in begrenzten Erkenntnissen, kann durch kein vorläufiges, irdisches und nur menschliches Gut zufrieden gestellt werden. Mit dem Intellekt begabt, kann der Mensch nicht anders als zu fragen: Woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich, warum gibt es mich, was ist mein Lebenssinn, was ist das Weltall, wo ist der Schöpfer von Allem, wem gehört die Welt, wozu das Leid, was ist der Tod, worauf steht das Weltall, was ist Glück, gibt es ein Leben nach dem Tod, warum hat mich niemand gefragt, ob ich leben will, wem gehöre ich, wem bin ich verantwortlich, was darf ich tun und was nicht, was fehlt mir, selbst wenn ich alles habe, was würde mir reichen, selbst wenn ich nichts anderes hätte. Der Intellekt erschafft Philosophie, Theologie, Reflexion über den Sinn, Moral, Werte, Leben und Tod. Der Intellekt erkennt Qualität und die Ratio Quantität (18).
Eine weitere Struktur der Geistseele des Menschen ist das Herz. Es ist der Mittelpunkt des Menschen, der Raum, in den alles eingeht, wo alles bewertet wird und woraus Entscheidungen, Reden, Tätigkeiten und Erfahrung hervorgehen. Im Herzen entsteht die Liebe, wird über den Lebenssinn entschieden, die Werte und Gott erkannt.
Der freie Wille ist eine wichtige Struktur der Geistseele. Das Wesen des Geistes ist die Freiheit, besagen Hegel und Berdjajev. Durch seine Freiheit verfügt der Mensch über sein Schicksal, entscheidet sich zwischen Gut und Böse, was und wie er etwas tun wird, ob er leben wird oder nicht, ob er sich für vergängliche oder unzerstörbare Werte entscheidet. Man sollte zwischen der „Freiheit von“ und der „Freiheit für“ unterscheiden. Die „Freiheit von“ bedeutet das Gelöst-sein von Allem, was die Grenzenlosigkeit, Uneingeschränktheit, moralisches Handeln und Bestehen hindert. Die „Freiheit für“ bedeutet die Fähigkeit, in jedem Augenblick über sich selbst und seine Taten auf zahlreiche Weisen zu verfügen. Aus diesem Grund bedeutet die Freiheit das Nicht-Gebunden-Sein an das Böse, und die Fähigkeit zum Guten. Die Abhängigkeit stellt den Verlust der Freiheit dar, sowie die Gebundenheit der Freiheit an etwas Begrenztes und Sinnloses. Die Freiheit lässt sich nicht mit kleinem, momentanem und begrenztem Besitz zufrieden stellen, will immer weiter, will alles ändern, mehr erkennen, stärker lieben, sich nirgends und nie aufhalten, sondern dem absoluten Sein entgegen gehen. Die Freiheit ist die Macht, Sehnsucht, Unbegrenztheit und Glück des Menschen – ein Wert, für den er sein Leben hingibt. Das Böse begrenzt und zerstört die Freiheit, die Lüge verführt auf Irrwege, der Hass bringt Frustration. Das Sein und die Freiheit sind im gleichen Ausmaß unbegrenzt – wo die Freiheit aufgehalten wird, bleibt sie hinter dem Sein zurück, und in ihr entsteht Sinnlosigkeit, Frustration und Suizid (19).
Der Charakter ist eine weitere Struktur der Geistseele des Menschen. Er ist der Ort der menschlichen Fähigkeit zu Tugenden, Werten, Liebe, Güte, Treue, Wahrheit. Der Charakter ist die höchste Fähigkeit zur Freiheit und Existenz. Ein Mensch ohne Charakter ist ein Schwächling, Unmensch, frustriert, leblos, ohne Zukunft. Ein charakterfester Mensch ist frei, weise, scharfsinnig, voller Projekte, würdevoll, kreativ und human.
Die kulturelle und wissenschaftliche Kreativität ist eine Struktur der menschlichen Geistseele, die bezeigt, dass der Mensch und die Natur unvollendete Projekte sind. Der Mensch ist ein Wesen im Projekt. In der Kultur, Kunst und Wissenschaft macht der Geist die materielle Wirklichkeit zu unermesslich vielen Formen der Existenz fähig.
Eine Spitzenstruktur der Geistseele ist die Religiosität. Das ist die Fähigkeit des Menschen, die Quelle von Allem zu erreichen, den Lebenssinn, Zweck und Ziel von Allem zu finden, dem göttlichen „Du“ zu begegnen und Ruhe in demjenigen, der das Sein und absolute Freiheit
ist, zu finden. Die Religiosität ist die Fähigkeit des Menschen, in sich mit dem Schöpfer zu kommunizieren, und sich nicht vereinsamt, verlassen und frustriert zu fühlen. Solange diese Fähigkeit auf Gott ausgerichtet ist, macht sie den Menschen gesund; wenn sie statt Gott auf Götzen ausgerichtet wird, dann vernichtet sie den Menschen und sich selbst.
Zu den Strukturen der Geistseele zählt auch die Geschlechtlichkeit, bzw. die Einteilung des Menschen hinsichtlich des Geschlechts, dass er als Mann und Frau besteht. Die Geschlechtlichkeit stellt das Abbild Gottes im Menschen dar, durch sie ist der Mensch ein wesentlich soziales Wesen, dreifaltig in sich, verwirklicht als Mann und Frau, mit der Möglichkeit der Schöpfung eines dritten Menschen. Diese Struktur darf nicht mit der Sexualität und Erotik gleichgesetzt werden, sondern sie gehört zur geistlichen Ebene des menschlichen Daseins.
Zu den Strukturen der Geistseele können wir auch Glaube, Hoffnung und Liebe zählen. Der Glaube ist die Erkenntnis, dass uns jemand liebt und sympathisch findet, dass wir von ihm nur Gutes erwarten können, dass wir neben ihm unser Tun und Leben ins Unendliche projektieren können. Die Hoffnung steht für die Sicherheit, dass wir nie aus dem Sein „herausfallen“ können, weil Gott die Liebe ist. Die Liebe ist die Erfahrung, dass derjenige, der uns liebt, unser Schicksal ist, und dass auch wir ihn deshalb lieben sollten, weil er die Sehnsucht unseres Wesens und Daseins ist.
Wir sehen, wie sehr sich der Mensch von Pflanzen und Tieren unterscheidet - er ist der Herr über allem, die Krone der Schöpfung. Alles, was den Menschen von Pflanzen und Tieren unterscheidet, ist Geist. Der Geist ist die grundlegende Realität, aus der alles andere entsteht. Das Sein ist Geist, das Leben ist Geist, ethisch-moralische Werte sind Geist, der Gedanke ist geistlich, Gott ist Geist. Alle Naturgesetze und –energien, alle biologischen Gesetze, sowie die sämtliche Kreativität des Menschen werden vom Geist in Funktion gehalten.

Die Therapie für geistliche Krankheiten

Ebenso wie der psychische Teil der Geistseele, kann auch ihr geistlicher Teil erkranken; Wie die Strukturen der menschlichen Psyche, so können auch die Strukturen der menschlichen Geistseele krank werden. Es gibt drei Arten geistlicher Krankheiten: kognitive, axiologische und anthropologische.
Kognitive Krankheiten entstehen, wenn der Mensch die Gesetzlichkeiten der physikalischen und biologischen Welt, der Gesellschaft, seiner Persönlichkeit, der natürlichen Moral und Ethik und seines Gewissens nicht kennt, sowie, wenn er den Sinn seines Lebens und Wirkens nicht erkennt, wenn er sich den Gesetzen seiner geistlichen Struktur widersetzt, oder ein falsches Bild über sich selbst, die Welt, Moral, Ethik und Gott in sich trägt. Die Therapie dafür besteht in der Berichtigung falscher Gottesvorstellungen und Lebenseinstellungen auf der geistlichen Ebene des Menschen, sowie in der Belehrung über die Gesetzlichkeiten des Lebens und des Menschen.
Axiologische geistliche Krankheiten entstehen wenn sich der Mensch den Gesetzlichkeiten seines Gewissens, seiner Würde und Freiheit, seines Lebenssinnes, Charakters, Intellektes, Kreativität und Religiosität widersetzt. Mit anderen Worten zerstören diese Krankheiten den geistlichen Organismus des Menschen, wenn er Böses tut, oder er bewusst oder unbewusst sündigt. Die bewusste Einwilligung zum Bösen führt außerdem zur Erfahrung von Schuld, und diese wiederum zur Depression und Suizidversuchen, um dem Schmerz der Geistseele zu entfliehen. Der Schmerz entsteht zuerst im Gewissen, welches die Stimme des Seins ist, wonach es zur existentiellen Angst kommt, die warnt, dass das Leben des Menschen in der Grundlage seines Daseins gefährdet ist, weil das Böse nicht nur einen Mangel an Gutem, sondern auch am Sein – d.h. der Existenz - darstellt. Dadurch dass das Gewissen das Sinnorgan ist, wie V. Frankl sagt, verliert der Mensch seinen Lebenssinn, wenn er Böses tut und spürt, dass sein Weg nirgends mehr hinführt, dass er kein Ziel mehr hat und verloren und schuldig ist. Das ist der Selbstmord der Geistseele. Die Therapie besteht in der Belehrung über die Ursachen des menschlichen Leidens, und dann in der Umkehr vom falschen Handeln und falscher Einstellung des Patienten zur richtigen. Das ist der Weg der Entscheidung für das Gute und Humane, für die geistliche Gesundheit, und – in der Praxis – der Weg der Versöhnung, bzw. Vergebung und Reue. Der Fachbegriff für diese Therapiearten ist: Eireno- und Dynamistherapie.
Die anthropologischen geistlichen Krankheiten entstehen wegen der Ohnmacht des Menschen, völlig über sich selbst zu verfügen; Zudem wegen des Verlustes von Urvertrauen, sowie wegen Beleidigungen, die man in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt. Der Mensch ist ein Wesen vom Anderen, er verfügt nicht über sein Schicksal. Aus diesem Grund ist das Vertrauen zum Träger seines Schicksals für den Menschen von entscheidender Bedeutung. Die Therapie besteht in der Erneuerung oder Herstellung des Vertrauens in denjenigen, der die Quelle und Hüter der menschlichen Existenz ist. Die Basissicherheit bzw. das Basisvertrauen kann geschädigt bzw. fast verloren werden, wenn der Patient in frühester Kindheit nicht mit Liebe, Zärtlichkeit und Wertschätzung umgeben war. Der Verlust dieses Vertrauens verursacht tiefste Traumen, Krankheiten und Leid. Manche Patienten haben aus diesem Grund das Gefühl, physisch dahinzusiechen, andere leiden an schweren psychischen Traumen, und wieder andere werden aggressiv. Bei allen entstehen Schuldgefühle, Ängste, Depression, bis hin zu Selbstmordversuchen. Die Therapie besteht in der Erneuerung und Heilung der Basissicherheit durch die so genannte Agapo- und Pististherapie. Beleidigungen, die uns andere Menschen zufügen, führen zur Aggressivität oder Autoaggressivität, Leid und Schmerz, Minderwertigkeitsgefühlen, Schuld und Sinnlosigkeit. Die Therapie besteht darin, dass man den Patienten mit der bedingungslosen Liebe, mit der Quelle seines Lebens, bzw. mit demjenigen verbindet, der der Ursprung jegliches Vertrauens ist, weil er selbst die Liebe ist – und nicht nur jemand, der liebt, und somit auch aufhören könnte, zu lieben. Eine besondere Therapie stellt die Vergebung dar, die man von der Versöhnung unterscheiden sollte. Die Vergebung befreit vom Bösen und Aggressivität, welche der verletzte Patient empfindet; sie bringt das Gefühl des persönlichen Wertes und Würde zurück, welche durch die Beleidigung zerstört worden sind, sowie die bedingungslose Freundschaft mit demjenigen, der am Anfang des Daseins des Patienten steht. Die Agapotherapie heilt den Schmerz der zugefügten Beleidigung, während die Pististherapie der Seele Frieden bringt und die eigene Würde und Vertrauen zu Menschen und sich selbst wieder herstellt. Schließlich stellt die Pneumatotherapie die Tugenden als gesunde Fähigkeiten und Kräfte fürs Leben und Kreativität wieder her.
Die Hagiotherapie entdeckt also, dass die Ursachen geistlicher Krankheiten, bzw. Schmerzen der Seele im präkonzeptionellen, Basis-, existentiellen und aktuellen Bereich des menschlichen Daseins liegen. Der präkonzeptionelle Bereich bezieht sich auf die genetischen Neigungen des Patienten auf der geistlichen Ebene seines Wesens dar. Basiskrankheiten bedeuten, dass sich im Kind von der Empfängnis bis zum dritten Lebensjahr das Basisvertrauen („basic security“) nicht entwickelt hat, so dass solche Kinder physisch „siechen“, chronisch erkranken oder aggressiv werden. Der existentielle Bereich ist derjenige, in dem der Mensch Angst um seine Existenz hat, und zwar wegen Schuld, wegen der Ohnmacht, über sein Leben zu verfügen, wegen des Bösen in der Welt und der Unwissenheit, wie er mit Gott eine freundschaftliche Beziehung eingehen kann. Der aktuelle Bereich bezieht sich auf Beleidigungen, die das Leben wegen des Bösen, Krankheit und Leid in der Welt mit sich bringt.
Um die geistlichen Krankheiten noch näher zu spezifizieren, werden sie auf jeder Struktur der Geistseele untersucht. Die Persönlichkeit kann spezifische Traumen erleiden, das Gewissen schmerzt auf seine Weise, das „Herz“ wird depressiv, der Intellekt kann Lügen und Betrug nicht annehmen, sondern sucht nach kritischer Einstellung und intellektueller Rechtschaffenheit, die Freiheit hat ihre Grenzen – und zwar die Gesetze der Moral und der Ethik, der Charakter kann den Menschen auf den Boden werfen, wenn der Mensch unmoralisch wird und unter die Ebene der Menschlichkeit herabgesunken ist, die wissenschaftliche und kulturelle Kreativität verlangen nach Gründlichkeit, die Religiosität nach Ehrlichkeit. Dieser Aspekt der Erforschung geistlicher Krankheiten kann noch mit deren Forschung nach dem Gesichtspunkt der Laster, Leiden, falscher moralischer Einstellungen, Suizidgedanken, Mediumpsychose, Süchte und symptomatischer Krankheiten ergänzt werden. Wenn diese Krankheiten in somatische oder psychische Krankheiten konvergieren, können sie ätiologisch nur im geistlichen Bereich geheilt werden. Deswegen besuchen uns Patienten sowohl mit somatischen als auch psychischen Krankheiten, damit festgestellt wird, ob die Ursache ihrer Leiden im geistlichen Bereich liegt.
In der Hagiotherapie wird ein Gottesbild vermittelt, in dem Gott nicht ein Feind und Konkurrent des Menschen ist, sondern Freund, der das Leben des Menschen zur Entwicklung bringt, ihn zu sich führt und ihm hilft, sein Zentrum, Identität und Ursprünglichkeit zu finden. Gott ist die grundlegende Dimension des Menschen und stellt keine Gefahr für ihn dar, sondern ist sein Durchgang zum Leben: Gott bedeutet nicht weniger, sondern mehr Leben, nicht Tod sondern Auferstehung, nicht begrenztes, sondern ewiges Leben, nicht Verlust, sondern mehr Freiheit, nicht Hass sondern Liebe.
Untersuchungen zeigen, dass die geistliche Dimension des Menschen sehr einflussreich und wichtig in der Befreiung von jeglicher Krankheit ist. So heilen beispielsweise Wunden bei Ehepaaren, die harmonisch zusammenleben sogar 60 Mal schneller, als bei denjenigen, die Konflikte haben. Dreimal schneller werden Personen wieder gesund, für die man betet. Es wird ein großer Einfluss auf die Gesundheit ausgeübt, wenn der Glaube an Gott ausgedrückt wird, oder wenn Gott als Arzt verstanden wird. Besonders wichtig ist es, den Menschen zuerst in seiner geistlichen Dimension zu therapieren, weil diese sogar für 70 % symptomatischer psychischer und physischer Krankheiten verantwortlich ist. Der Mensch wird geistlich gesund, wenn ihm seine Würde als Person zurückgegeben wird, wenn sein Leben geschützt und ihm sein Lebenssinn gezeigt wird, wenn sein Gewissen durch Reue entlastet wird, wenn er aufhört, negativ und böse zu denken und zu sprechen, wenn er sich für das Gute, Moralische und Ethische entscheidet, wenn er an das Gute und die Wahrheit glaubt, wenn er kritisch ist, Schönheit liebt, Gott ehrt und seinem Gewissen gehorcht.

Verbreitung der Hagiotherapie

Die Hagiotherapie wurde in Zagreb, Kroatien, gegründet und entwickelt. Ihr erster offizieller und öffentlicher Auftritt fand durch die Gründung des Zentrums für geistliche Hilfe im August 1990 in Zagreb statt. Bald danach wurden ähnliche Zentren in Österreich, Deutschland, Belgien, Holland, Schweiz, Italien und Slowenien gegründet, während die Gründung solcher Zentren in Bosnien und Herzegowina, USA, Ukraine, Slowakei, Estland und Südkorea im Gang ist.
Bald nach der Gründung des Zentrums für geistliche Hilfe in Zagreb begann man mit der hagiotherapeutischen Arbeit in anderen Städten Kroatiens, so dass dort Zentren für die Hagiotherapie gegründet wurden. Ein erstes solches wurde in Virovitica, dann in Osijek, Slavonski Brod, Rijeka und Split gegründet, während in Bjelovar, Dubrovnik, Omiš, Šibenik, Zadar, Vis und Mali Lošinj, Nova Gradiška, Ludbreg, Varaždin, Čakovec, Koprivnica und Karlovac die Gründung im Gang ist.
In den Zentren arbeiten vollzeitig eine oder mehrere Personen, denen zahlreiche freiwillige Mitarbeiter im Zentrum oder bei Haus- und Krankenhausbesuchen helfen. Die finanziellen Mittel für vollzeitig Angestellte in den Zentren werden durch Projekte an Stadtverwaltungen, Gespannschaften, Landes- und Regierungsinstitutionen oder Spender aus dem Ausland erworben.
Die Zentren für Hagiotherapie haben ihre eigenen Webseiten, wo man mehr über sie erfahren kann. Patienten vereinbaren ihren Termin per Telefon im nächsten Zentrum.

Literaturvermerke
 
1   vgl. Johannes Paul II, Salvifici doloris /SD/, 1984, Nr.5
2   vgl. M. Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bouvier, 2007
3   vgl. Thomas Metzinger, /Red./ Grundkurs Philosophie des Geistes, Bd 1: Phänomenales Bewusstsein, Mentis Paderborn 2006
4   vgl. Matthias Beck, Der Krebs und die Seele. Gen- Geist- Gehirn- Gott, Schöningh 2004
5   vgl. Arthur Jores, Der Mensch und seine Krankheit, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1956
6   vgl. Daniel G. Amen, Healing the Hardware of the Soul
7   vgl. Danah Zohar und Ian Marshall, SQ, Spirituelle Intelligenz, Scherz, 2001
8   vgl. Karl Rahner, Schriften zur Theologie II,  S. 292. Ebenso: Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Aesthetik I, Einsiedeln  1961, S. 93
9   vgl. Danah Zohar-Ian Marshall, SQ – Spirituelle Intelligenz
10  vgl. Carl G. Jung, Briefe, Bd.2, S. 80
11  vgl. Viktor Frankl, Der unbewusste Gott, Dtv, 2002
12  vgl. Danah Zohar-Ian Marshall, SQ
13  vgl. D. Goleman, Emotionale Intelligenz, Dtv, 1997 
14  vgl. N. Berdjajev, Spirit and Reality, Paris, 1937
15  vgl. D. Zohar-J.Marshall, SQ - Spirituelle Intelligenz
16  vgl. Emerich Coreth, Was ist der Mensch? Grundzüge einer philosophischen Anthropologie, Tyrolia Innsbruck, 1986, S. 62-99
17  vgl. Bernhard Häring, Das Gesetz Christi I
18  vgl. Emerich Coreth, Grundriss der Metaphysik, Tyrolia Innsbruck, 1994, S. 48  
19  vgl. Emerich Coreth, Vom Sinn der Freiheit, Tyrolia Innsbruck, 1985, S. 64